Freitag, 26. Juni 2009

06 Boscastle - St. Ives

Nach der Mörderwanderung gestern kommt uns ein Tag mit viel Reisen entgegen. Dabei haben wir überhaupt keinen Muskelkater! Yvonne schaltet pünktlich um 8 das Frühstücksfernsehen ein, die im Nebensatz melden, Michael Jackson sei tot. Zunächst glauben wir unseren Englischkenntnissen nicht ("Michael Jackson died") nicht, als das dann doch Topthema in den Nachrichten wird und wir die Bilder sehen, begreifen wir den Ernst der Lage. Nach dem Frühstück checken wir in Ruhe aus und wollen uns noch oben auf dem Hügel den anderen Teil von Boscastle ansehen, in dem ich einige süße, bunte Cottages verstecken. Überhaupt sind die klassischen Dörfer hier alle sehr langgestreckt entlang der Hauptstrasse aufgebaut. In England wird man außerdem ständig begrüßt und angesprochen, der Engländer scheint einen kleinenSchwatz mit Wildfremden zu schätzen, der aber 2-3 Minuten nicht übersteigen sollte. So auch oben auf dem Hang, wo uns eine Dame "Good Morning" wünscht und mit plötzlich weit aufgerissenen Augen hinterherschiebt: "Michael Jackson is dead!", was das Phänomen "Jacko" doch ganz gut beschreib hier am Ende der (britischen) Welt. Sie ist ziemlich enttäuscht, uns mit der heißen News nicht überraschen zu können.

Um 10 wollen wir den Bus ab Boscastle nehmen. Als es jedoch soweit ist, steht der 94er, statt dem 95er Bus mit falschen Fahrtziel vor uns. Wir bleiben zunächst stehen, der Busfahrer bemerkt anscheinend unsere Verwirrtheit und kurbelt oben an seiner Armatur herum. Ah ja: Da steht jetzt auf einmal unser Ziel und unsere Nummer. Prima, wir steigen ein. Genauso muffellig wie der Fahrer uns begrüßt fährt er auch. Wir sind ja mittlerweile einiges an Achterbahnfahrten gewohnt und auch diesmal kommen wir ganz auf Kosten: Egal wie eng die einspurige Bahn auch ist, unser Bus nimmt sich immer die Vorfahrt.

Nach anderthalb Stunden müssten wir eigentlich umsteigen und wir haben schon Panik da für den Wechsel nur 2 Minuten Zeit bleiben und eine Unpünktlichkeit unseren Plan komplett durcheinander schmeißt. Als wir samt Gepäck aussteigen wollen begreifen wir erst, was der weiterherhin stinkige Busfahrer damit meinte, als er sagte, wir könnten im Bus bleiben. Wir müssen nämlich nicht umsteigen, sondern der Busfahrer! Der Neue ändert wieder rasch die Nummer und schwupps sitzen wir wieder im richtigen Bus. So machen die Anschlüsse Spaß! Auch in St. Columb Major und Truro, Cornwalls Hauptstadt by the way, dasselbe Spiel: Wir müssten eigentlich umsteigen, können aber sitzenbleiben. Konkret heißt das: Wir konnten vor unserer Haustür in einen Bus einsteigen, der uns nach zwei Stunden direkt am Ziel-Bahnhof aussetzte, statt stressigem 4mal umsteigen wie geplant. Darauf erstmal Kaffee und Kuchen bei Pumpkin, der Marke unseres Vertrauens, wenn es um Bahnhofs-Picknicks geht.

Die Zugfahrt von Truro nach St. Erth. ist komfortabel, bequem und kurz, die darauffolgende halbe Stunde Warten geht auch vorbei. Als wir jedoch im finalen Zug nach St. Ives stecken, passiert etwas Merkwürdiges: Wir kommen aus einem Tunnel heraus und auf einmal geht ein lautes "Woohhh!" Durch den Zug. Besser: Die meisten stehen auf und stellen sich auf die linke Seite. Da spalten sich die Greenhorns von den "Locals". Plötzlich aus dem Tunnel raus, denkt man, dies sei nicht mehr in England, denn karibische Traumstrände mit hellblauem Wasser, feinem hellem Sand und Sonnenschein begrüßen uns mit offenen Armen. Uns fallen echt die Augen aus dem Kopf, wir sind im Paradies und wollen jetzt nur noch an den Strand.

Vorher müssen wir aber noch einchecken, um die Koffer loszuwerden. 300 Höhenmeter später (!) sind wir einmal quer durch St.Ives gehechelt, ein wirklich tolles Örtchen, mit einigen Geschäften und ner Menge Flair sowie dem obligatorischen Gruselfriedhof in Luxuslage mit Meerblick. Hier ist richtig was los und reichlich Urlaubsstimmung. Das Ten Ocean View, unser Bed & Breakfast, macht seinem Namen alle Ehre. Es ist nur einen Steinwurf zum nächsten Strand entfernt und egal ob im Haus oder im süßen Gärtchen (allerdings nicht von unserem Zimmer), überall hat man Blick auf das Meer.

Mike, Ire und Herr des Hauses, begrüßt uns äußerst herzlich, schimpft, dass wir ihn nicht angerufen haben, um uns vom Bahnhof abzuholen und will erst einmal einen Tee mit uns trinken. Er zeigt uns unsere Bleibe und stellt klar: "If you go out hungry in the morning, it is your fault (zeigt bestimmt auf Yvonne) and your fault (nun auf Franz), not mine." Nachdem er uns angeboten hat, dass wir seinen ganzen Haushalt übreall mitnehmen dürfen, nehmen wir eine seiner Matten, schmeißen uns in die Badeklamotten und hauen uns an den Strand.
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St. Ives hat drei Buchten: Einen Traumstand am Bahnhof, dem daher wohl schönsten Bahnhof der Welt, einen Hafen und ein weiteres Bade-Idyll direkt vor unserer Bleibe. Neben dem üblichen Schnick-Schnack wie Surfschule und Kiosk liegt direkt am Strandeingang und neben dem Friedhof... ein Ableger der Tate Gallery, mit moderner und lokaler Kunst. Denn St. Ives ist seit Ende des 19. Jhd. ein bekannter Künstlerort, was man auch an einer ähnlichen Galeriedichte wie in Berlin Mitte unschwer erkennen kann.

Ein anderes Wahrzeichen von St. Ives sind dessen Möwen. Bereits am Bahnhof wird man darauf hingewiesen, dass diese sehr agro sein könnten. Möglichst nicht unter freiem Himmel essen, von Füttern ganz zu schweigen. Okay, die Geräuschkulisse erinnert an Hitchcocks "Vögel", den Grad der Brutalität erkennen wir allerdings erst am Strand, nachdem wir durchs Wasser gewatschelt sind und uns mit englischen Klatschgazetten versorgt niederlassen. Ein unbeobachteter Moment und Zack! klaut das gewiefte Biest den Nachmittagskuchen der Familie neben uns, der sich unsichtbar verpackt in einer braunen Papiertüte befindet. Während die Möwe mit der Tüte gelassen von dannen watschelt, hetzt der Familienvater hinterher, scheitert mit seinen Einschüchterungsversuchen kläglich und droht dem gefiederten Dieb darauf mit den Worten: "Warte bis meine Frau kommt." Die sonst so coole Möwe lässt dann auch tatsächlich die Tüte fallen, als sich die besagte Dame mit großer Schaufel aus dem Zelt herausstampfend nähert und flucht: "Give me my cake!". Noch gefährlicher ist es, die Sachen alleine zu lassen, dann inspizieren die Tiere das ganze Hab und Gut und zwar gründlich, sogar unter den Socken in den Sneakers wird gesucht. Wenn mal gerade nichts zu holen ist, da ist, versuchen die Biester einen leeren Pizzakarton zu falten und irgendwie noch in den Schnabel zu würgen oder einfach ihren Nebenmann (vogel) anzuknabbern. Als Yvonne sich spontan zurücklehnt, hört man plötzlich ein Tapsen ein paar Zentimeter vom Ohr entfernt. Als ich (Y) den Feind in die Flucht schlage (ohne Schuhwurf, wie bei unseren Nachbarn) baut sich dieser zwei Meter vor mir auf. Showdown. Wir starren uns einige Minute böse in die Augen, dann endet das Kräftemessen mit einem Sturzflug auf mich zu. Ich bleibe siegreich, ein Gast im Pub am nächsten Tag hingegen hatte das Nachsehen: Ihn biss die Möwe ins Ohr und schiss ihm darauf die Schulter voll. Wie gesagt: "Die Vögel" live und nichts für schwache Nerven.

Davon abgesehen, ist der Ort ein Traum. So einen tollen Strand, so tolles Meer haben wir hier trotz ausgiebiger Vorabrecherche nicht erwartet. Mit Sonne aufgetankt suchen wir abends noch etwas zu Essen, doch irgendwie sind wir spät dran (es ist gerade mal 20.°° Uhr durch) und nichts sagt uns so Recht zu. So dass wir uns für eine Monsterportion Fish & Chips am Hafen entscheiden. Auch wenn wir diese aus Angst vor Luftangriffen mit äußerster Vorsicht genießen, ist das Mahl stimmig zur Szenerie und wir fühlen uns pappsatt. Die netten Pubs sind alle extrem voll, deswegen holen wir uns nur je eine Büchse Cider und schauen auf unserem Zimmer noch ein paar Specials zu Michael Jackson und eine Liveschalte vom Neil Young-Konzert aus Glastonbury. Übirgens fällt auf, dass die englische Berichterstattung ob im TV oder in Print wesentlich bissiger, ironischer, ehrlicher und dadurch unterhaltsamer ist, als das Lenor-Zeug, was bei uns immer verlangt wird.

Fazit des Tages:
Francois: Klippen, Kultur, Tea Time und nun Traumstrand. Wir haben einen Eierlegendewollmilchsau-Trip - herrlich, der alle Klischees von England wegspült. Ich bin in Urlaubsstimmung!
Yvonne: Kommt St. Ives von Yvonne? Ich fröne mal wieder meinem Hobby - potentielle Häuserschau und frage mich mal wieder, warum man nicht einfach sein Leben an einen solchen Ort verlegt. Ich wünsche mir sehr, dass es euch alle mal zumindest für ein paar Tage hierhin verschlägt!

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