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Donnerstag, 2. Juli 2009

12 Salisbury - Oxford - Stratford-Upon-Avon

Auch heute haben wir wieder ein straffes Programm vor der Brust und wollen den Zug um 08.44 nach Basingstoke nehmen, über den es einen Anschluss nach Oxford gibt. Im Hostel haben wir überraschend sehr gut genächtigt, so dass wir uns lieber eine halbe Stunde länger in den Laken räkeln und das breakfast einfach sausen lassen. Trotzdem beschließe ich (Y) nach meinem morgentlichen Toilettengang, dass meine Jugendherbergszeit definitiv vorbei ist: Irgendwie greift der Untergrund nicht so richtig und gut 1ne Minute zu spät sehe ich, dass der komplette Boden vollgekotzt ist. Lecker. Ich versuche meinen Würgereiz unter Kontrolle zu halten und stolziere ohne Schuhe - von denen hab ich mich gerade spontan verabschiedet, zurück ins Zimmer. Ein Taxi zum Bahnhof ist in etwa genau so teuer, wie das Geöddel mit dem Bus, also gönnen wir uns einen gesprächigen Chauffeur, der sogar mal in Münster und Hannover stationiert war. "Wenn Salisbury Euch schon von der Größe her überrascht hat", gibt er uns noch mit auf den Weg, "dann wartet erst einmal Oxford ab. Oxford is so way bigger." Diesen Eindruck teilen wir, als wir am Bahnhof aussteigen und unser Gepäck beim nahegelegenden Backpacker Hostel einquartieren, das übrigens auch keine Weiterempfehlung verdient.

Oxford, DIE Elite-Universitätsstadt, zeigt sich zunächst von einer viel urbaneren Seite als angenommen. Shops, Tourismus, Verkehr, Food- und Coffee-Ketten wohin das Auge reicht. Ja, so langsam kehren wir zurück in die Zivilisation. Hier gibt es sogar ein großes Jamie Oliver Restaurant! Als wir uns dem Stadt- und Uni-Zentrum nähern, schießen dann die Parade-Bauten englischer Gotik aus dem Boden. Wow, darin findet der Lernbetrieb statt? Davon wollen wir uns selbst ein Bild machen und suchen uns mit dem Christ Church College das wohl bekannteste der hiesigen Colleges für eine Besichtigung aus. Lewis Caroll, der Mathematiker und Autor von "Alice im Wunderland", ist wohl der populärste Absolvent dieser Fakultät. An manchen Stellen findet man nicht nur kleinere Bezüge zu seinem Meisterwerk, laut Guide sollen die Hauptcharaktere aus "Alice im Wunderland" Personen aus seinem damaligen Uni-Umfeld gewesen sein. Geschrieben hat er die Geschichte für die beiden Töchter des damaliegen Kanzlers der Uni, dieser widerum wird durch das hektische Kaninchen verkörpert. Ich (Y) freue mich darauf, meine Erinnerungen ein wenig aufzufrischen, denn ich war vor 20 Jahren (!) das letzte Mal hier und irgendwie ist es auch schade, dass ich nicht zumindest mal für ein Unijahr Nach Oxford oder Cambridge gegangen bin. Heute gibt es jedoch noch einen anderen Beweggrund unserer Besichtigung: Einige Szenen aus Harry Potter wurden hier gedreht.

Als wir den Treppenaufgang hochsteigen, fühlt sich Yvonne bereits wie in Hogwarts. Diese Treppen kommen auch vor und zwar in Teil 1, kurz vor dem Einzug in die große Halle. Und das ist dann auch das Highlight des Rundgangs: tatsächlich, sieht genauso aus, wie in den Potter-Filmen. Naja, eine Tischreihe fehlt und auch sonst wurde die Halle ganz schön digital vergrößert, aber die Atmosphäre stimmt und überraschenderweise werden in diesem musealen Prunksaal auch heute noch dreimal täglich die Mahlzeiten von den circa 500 eingeschriebenen Studenten und Lehrkräfte des Christ Church College eingenommen. Die Höhe des Raumes ist nicht nur beeindrucken, sie wurde auch noch vollständig ausgenutzt, um mit Gemälden ehemaliger Leiter und Mitglieder geschmückt zu werden, netterweise hängen dabei uralte Schinken wie das Portrait von Elisabeth I mit Rüschenhalskrause neben richtig zeitgenössischen Portraits aus den letzten Jahrzehnten. Nein, ich will hier gar nicht weg..., aber wir müssen, ständig drängen Besucher nach und deren Geplapper macht deutlich, dass das Christ Church Collgege durch den Zauberschüler ordentlich an Besuchern gewonnen hat. Noch ein Blick auf die tollen Glasfenster, im Stil von Kirchenfenstern, aber z.B. mit Alice-im-Wunderland Motiven versehen, und weiter geht es in die collegeeigene Kathedrale, in der wir trotz allgemeinem Fotoverbot wieder einmal mit der Kamera draufhalten (Paparazzi-Training). Ins Auge sticht sofort das Grabmals eines Ritters aus dem Mittelalter, der bereits 2 Meter groß war. Was für ein Riese! Die Bücherei wird leider aktuell renoviert und nachdem wir über die Richtigkeit der Sonnenuhr dieser Institution rätseln (ich -Y-vermute, wir sind nur zu blöd und das ist Teil des Zugangstests..), spazieren wir noch ein wenig durch den angeschlossenen Park Richtung Botanischen Garten (quasi the Gruga of Oxford), suchen aber rasch Abkühlung in einem Café, denn die mit über 30 Grad brennende Sonne drückt ordentlich auf die Konditon, trotzdem schaffen wir es noch einen echten Stabruderer abzulichten, also diese Venedig-Gondel Variante, die hier auch praktiziert wird, nur ohne Singen.

Unser nächstes Ziel ist die Bodleian Libary, eine der ältesten und wichtigsten Büchereien des Landes. Leider darf man als Tourist nicht weiter als in die erste Halle, die ollen Bücher bekommt man nur während einer einstündigen Führung zu sehen. Wir überlegen kurz und sagen im Bed & Breakfast Bescheid, dass wir erst um 8 kommen, denn schließlich war die Libary eines unserer Gründe für einen Oxfordbesuch. Die Zeit bis zur Führung vertingeln wir noch in Shops und Starbucks, bei den wir uns ordentlich auf Vorrat runterkühlen. Bei der Führung bekommen wir ehe ehrlich gesagt nur wenige Teile des Gebäudes zu sehen. Man erfährt zwar ziemlich viel über die damaligen Umstände, die Thomas Bodley zur Gründung dieser Bibliothek bewegte, aber zu den Büchern selbst kommt man erst kurz vor Schluss und dann auch nicht gerade auf Einband-Fühlung, aber gelohnt hat es sich allemal. Diese Wände voll uralter Bücher ist beeindruckend. Jeder darf eine Erlaubnis beantragen, hier recherchieren zu dürfen, muss allerdings schwören, keine offenen Flammen mit in die Räume zu nehmen. Die Brandgefahr ist zu groß, zumal es bis heute keine Brandschutzvorrichtung gibt. Im Falle eines Brandes lässt man einfach all die Originale verbrennen nach dem Motto: "Eine Löschanlage würde die Bücher genau so beschädigen." Heute gibt es natürlich Leselampen, damals allerdings mussten die Leseratten mit dem Tageslicht auskommen, was nur spärlich durch die bleiverglasten Scheiben fällt. Eine düstere Angelegenheit, vor allem bei den alten "chained", also angeketteten Büchern, die nur im Aktionsradius der Kettenlänge lesen kann. Ausleihen und mitnehmen ist übrigens heute wie gestern tabu. Selbst für den König wurde da keine Ausnahme gemacht. Heute verfügt die Bibliothek über etwa 8 Millionen Bücher, einige in der New Boderian Libary, der Großteil jedoch in einer 200 Meilen entfernten Salzmine verstaut, denn ähnlich wie die Bibliotheque Francaise und die auch das Deutsche Archiv lässt man sich von jedem Druckerzeugnis ein Gratisexemplar schicken, also auch Zeitschriften und Komiks und "Schund"-Literatur, nur auf Strickmuster hat man verzichtet, sagt unser Guide. Und solche Mengen an Buchstaben wollen erstmal verstaut werden... Jedenfalls ist es eine faszinierende Idee hier in dieser Stille im dem Geruch von alten Büchern und Geschichte zu sitzen, nur ab und zu knarzt das alle Holz der Bänke und Regale. Ich muss mir unbedingt einen Grund einfallen lassen, warum ich ausgerechnet hier in einem der Bücher recherchieren muss... Bis vor einer Woche wurden hier zudem alte Manuskripte noch per Vakumrohrpost angefordert (also so wie in der Charité noch heute), jetzt ist aber gerade die vollständige Digitalisierung abgeschlossen und steht - na? - genau, bei Google im Books-Bereich zur Verfügung. Das ist ziemlich irre, zumal sich darunter auch Sachen von den Ägyptern auf ca. 2500 vor Christus datiert befinden. Übrigens ist der heutige Buchbestand bereits der zweite Anlauf. Die erst Bibliothek wurde auf geheiß des Rüppelkönigs Heinrich VIII. verbrannt, da er gegen das religiöse Gedankengut zu Feld zog und damit nicht womöglich ein Buch übersteht, hat er die nicht religiösen Inhaltes gleich mitverfeuern lassen. Clever der Mann.

Oxford hat sich auf jeden Fall gelohnt, nicht nur weil hier absolut reines Hochenglisch gesprochen wird (besagtes Oxford-Englisch mit seiner typischen, recht überkandidelt klingenden Tonmelodie), sondern auch architektonisch bekommt man wieder eine neue Impression von England. Was sich jedoch auch auf unsere geplante Weiterfahrt nach Stratford-Upon-Avon bezieht:Trotz, oder gerade wegen der Privatisierung kommen die modernen Züge hier meist pünktlich, wie auf den Schirmen zu sehen ist, unser 17:05er nach Newcastle wurde jedoch ersatzlos gestrichen. Zum Glück können wir eine halbe Stunde später einen anderen Zug nach Manchester nehmen, der uns zum Bahnhof Leamington Spa bringt, wo echt lang auf unseren Anschluss warten müssen. Macht auch nichts, da wir ziemlich von der Hitze gebeutelt sind und Franz`Koffer auf seinen großen Zeh gefallen ist. Der fängt zwar an tierisch zu bluten, schmerzt aber komischerweise überhaupt nicht. Also Picknicken wir wieder ein wenig am Bahnhof.

Nicht nur wir weichen auf den 17:35er nach Manchester aus, der Zug ist also rappelvoll. Zu doof nur, dass wir samt Koffer genau in der Mitte des Abteiles stehen und uns eine Halte vor Ausstieg mühselig Richtung Tür kämpfen müssen. Dafür können wir in Leamington in Ruhe unsere Zeitschriften lesen. Franz den New Musical Express, NME, mit Jacko-Tribut und Glastonbury-Special, Yvonne die neue Elle samt Bonusheft, exklusiv-Interview mit der Harry Potter-Darstellering (aber nur weil Emma Watson aus Oxford ist) und einem T-Shirt der Marke Paul & Joe Sister als Beilage, für nur 3,60 GBP. Kurz vor Acht kommen wir dafür planmäßig in Stratford-Upon-Avon an und der Weg zum Woodstock House, unserer heutigen Bleibe, ist nur tatsächliche, nicht englische zehn Minuten zu Fuß entfernt. Dennis begrüßt uns freundlich und führt uns routiniert in unsere Zimmer, dessen dicker, beiger Teppichboden sogar bis ins Badezimmer direkt an den Duschwannenrand und natürlich auch ans Klo geht. Es ist aber recht komfortabel und sauber, wenn auch ziemlich heiß. Schnell ein nicht-durchgeschwitztes T-Shirt übergestülpt und ab den Ort beschnuppern auf Futtersuche.

Stratford-Upon-Avon ist nach London die zweitmeist besuchte Stadt Großbritanniens, was daran liegt, dass Shakespeare hier geboren wurde, teilweise lebte und starb. Man kann sich also die touristischen Fallen ausmalen, die sogar noch neppiger rüberkommen, als im Vorfeld befürchtet. Wie vermutet passieren wir irgendwann auch einem Pub namens "Otello", heute nehmen wir jedoch bei einem hellen Italiener Platz, der uns zusagte und nicht Shakespeareiges im Namen trug. Ein Tag Pause von Pubfood ist toll, es gibt Wein und Salat, auch wenn wir als Quittung dafür nur spärliche Portionen bekommen.

Per Abendspaziergang wollen wir schon einmal sondieren, was und wo wir uns morgen anschauen werden und starren ganz lange ein altes Haus an, ehe wir bemerken, dass es Shakespeares Geburstshaus ist. Eigentlich ist das Prinzip hier in Stratford ganz einfach: alles was irgendwie windschief und nach uraltem Fachwerkbau aussieht hat was mit Shakespeare zu tun oder wurde sonstwie in eine Touristenmühle, also Pub, Hotel etc. verwandelt. Der Rest gibt sich betont modern und eifert jeder mittelgroßen, deutschen Durchschnittsstadt nach - nur das dort nicht so schreckliche Sachen feilgeboten werden, denn natürlich lassen es sich die restlichen Stratforder, also die ohne Fachwerkhaus, nicht nehmen aus den 500.000 Touris jährlich Profit zu schlagen und so gibt es eine Scheußlichkeit nach der anderen zu erstehen, zumeist natürlich mit dem Konterfei Williams. Nur der WEIHNACHTSSHOP (!) in dem es nur Weihnachtsdeko zu kaufen gibt, direkt gegenüber vom Geburtshaus des Meisters gibt sich betont trotzig und lässt dazu noch schallend Weihnachtlieder über den Platz ertönen.
Die eigentliche Kreativstätte, in der Shakespeare einige seiner Werke schrieb und schließlich starb, ließ der Besitzer vor zig Jahren abreissen, da er den Andrang der Touristen nicht mehr abkonnte und sich in seiner Ruhe gestört fühlte. Und auch das Geburtshaus entging nur knapp einem merkwürdigen Schicksal: Als es im 19. Jhd. zur Versteigerung stand, versuchte es sich der Zirkusdirektor des Zirkus Barnum unter den Nagel zu reißen, um es dann abzutragen und in den USA wieder aufbauen zu lassen.
Kurz: Stratford am Avon ist irgendwie nicht ganz das, was wir uns vorgestellt hatten. Zwar gibt es hier massig wirklich extrem alter Häuser, allerdings machen die ganzen Touri-Shops, Kitschfallen, Subways, Starbucks und Hauptstraßen das Flair kaputt, mit Kopfsteinpflaster und wesentlich mehr authentischer Oldschool wäre das viel putziger gekommen. Doch um Shakespeare zu zitieren:"There Is Money, Spend it, Spend it, Spend more". Hier wird aus allem versucht Geld zu machen und nachdem wir ausgelotet haben, wo die Holy Trinity Church liegt, bewegen wir uns so langsam ins Woodstock B&B, das übrigens wirklich gar nichts von Woodstook hat, aber immerhin nicht "Sommernachtstraum" heißt (heute stocknüchtern), um zu Duschen, bloggen und uns auszuruhen. Der Tausendfüssler, der uns mit Affenzahn auf dem Teppich entgegenkommt bestätigt unsere Vermutung, dass Teppich für Badezimmer suboptimal ist.

Fazit des Tages Yvonne: Wie konnte ich nur vergessen in England zu studieren? Zumindest eine Kurzaufenthalt in der Bibliothek muss noch irgendwie her. Irgendwie erinnert mich Stratford an Süddeutschland, nicht Bayern, aber kurz davor oder vielleicht Schwaben. Besonders auch diese Blumenampeln, die allerdings bisher überall auf den Straßen an einer Art Laternenmast hängen, wirken so. Aber dann noch in Verbindung mit dem Fachwerk..
Franz:Wieder eine neue Seite von England, Cornwall ist eben doch nicht alles, auch wenn Mikes Frühstück und das Meer gelegentlich ruft...