Dienstag, 23. Juni 2009

03 Bath - Wells - Glastonbury

Frühstück knicken wir heute, denn wir haben uns mit Wells und Glastonbury zwei Highlights ausgesucht, die wir an einem Tag schaffen wollen. Schnell checken wir aus und rollen samt Koffer die Einfahrt der Jugendherberge hinab, um den 8:31 Bus zu bekommen. Der wäre auch fast an uns vorbei gefahren, hätte Franz nicht noch wie wild herumgefuchtelt. Am Bath Busbahnhof stärkt Yvonne sich mit einem großen Milchkaffee to go und schon stecken wir gut eine Stunde lang im 173 nach Wells.

"Groß" ist bei Wells so eine Sache. Der Ort verfügt zwar über eine gigantische Kathedrale, doch das Dorf selbst ist so winzig, dass der riesige Prachtbau die Häuserreihen im wahrsten Sinne des Wortes in den Schatten stellt.Yvonne und ich müssen diesen Maßstab erst einmal verarbeiten und bleiben zu tiefst beeindruckt vor dem Bau stehen. Was für ein Anblick, aber jetzt schnell hinein, Franz behält wie immer die Uhr und in dem Fall auch Glastonbury im Auge.




An der Kasse kommt ein wenig Rock`n`Roll-Feeling auf, denn Yvonne muss sich einen Fotopass kaufen und klebt sich die gelbe Plakette gut sichtbar auf den Pullover. Das Schiff ist riesig, die Träger haben eine ganz eigene Formation, der eigentliche eyecatcher für Yvonne ist jedoch ganz versteckt: Eine Wendeltreppe den Turm hoch geht es nämlich in die alte Chained Libary, in die man nur selten hinein darf. Der überaus nette Wächter gewährt uns dennoch in Ruhe einen Blick auf die antiken Bondage-Bücher und hält ein Schwätzchen mit uns. Sowieso: die Briten sind alle sehr nett, zeigen Manieren und aufmerksame Hilfsbereitschaft. Okay, der eine "Tommy" gestern im Pub, der sich wohl nur nicht prügeln wollte nach dem Tor für Deutschland, weil er nur einen Arm hatte, war eine Ausnahme. Aber bisher präsentiert sich Britannia von seiner gastfreudigsten Seite. Auch das Rentner-Pärchen im Touri-Info-Center nahm unsere Koffer bis zur Mittagspause von sich aus entgegen, obwohl sie hinten eigentlich nur wenig Platz hatten und das sonst nicht machen.


Die Herren an der Kathedralen-Kasse gaben uns den Tipp um Punkt elf vor der astronomischen Uhr im Westflügel zu sein. Eine Minute vorher sieht man auch die ganzen Schüler in Uniform dorthin sprinten. Dann läutet eine knarzende Glocke und eine Art Puppenspielfigur links von der Uhr schlägt eine Glocke. Das ist der Quarterjack (weil er das alle Viertelstunde tut), der die Ritter in den Krieg ruft, die jetzt oben an der Uhr im Kreis reiten. Ein großes Hallo bei den Besucher ist die Folge und deshalb ruft auch sofort ein Prister zur Ordnung mit einem knappen Gebetsdreizeiler, übrigens traditionell zur jeder vollen Stunde immer ein anderes. Das besondere an dieser Uhr ist, dass sich hier noch die Sonne um die Erden dreht, wie Yvonne bemerkt (ist nämlich pre-Kopernikus), ehe wir in den zweiten Teil der Kirche schreiten.


Dagegen ist der erste quasi nur die Garderobe... Hier im Chor sieht es wirklich aus wie in Hogwarts, alte Eichenbänke sind mit aufwendig gestickten Stoffen bezogen, jedes trägt ein anderes Wappen. Außerdem ist das Gestühl so konstruiert, dass die Bischöfe sich die Bank auch so einstellen konnten, dass man sich auch im Stehen unauffällig hinsetzen kann. Und klar gibt es auch tolle Fenster, Treppen, Kreuzgänge, einen uralten Friedhof und ein kleines Guckloch mit Blick rüber in den Garten des Bischofspalast und dort auf die Quelle, der Wells seinen Namen verdankt. Katzen und Schulkinder peppen die Atmosphäre überall auf dem Gelände auf und nehmen die sonst so übertriebene, sakrale Strenge heraus, was sehr angenehm ist.

Im Kirchenshop sieht man die Dinge auch nicht so eng, es geht jede Menge keltisches Zeug und Tand bis hin zu "Holly Socks". Trotz Franz`schem Drängeln geht`s noch in den Vicar`s Close, eine alte Reihenhaussiedlung für Kirchenbedienstete mit einer der ältesten, befestigten Straßen Europas. Wem die Bilder hiervon irgendwie bekannt vorkommen - kein Wunder, hier wurden schon etliche FIlme und Serien gedreht. Franz erinnert es total an Charlie und die Schokoladenfabrik.

Weiter eilen wir zur Bushaltestelle von Wells, nach kleinem Reisedoping bei Starbucks, ja, den gibt es auch hier..., hier dann unsere erste Erfahrung mit Glastonbury. Eine Engländerin, die grad ihr Tier zum Doc brachte, wollte uns helfen und verfiel in endlose, immer verwirrtere Vorträge. Franz bemerkt: Während Wells nach einer Mischung aus Weihrauch und Gulasch riecht (woher der herkommt, weiß niemand), hängen in Glastonbury die "shit"-Schwaden tief. Und dabei ist nicht das halbe Pfund Lammscheiße gemeint, das Franz am Schuh kleben hat. Der Weg zu unserem Luxus 4**** B&B ist ausnahmsweise echt beschwerlich, nicht nur das es gut 20 Minuten mit dem Koffer durch die shwüle Mittagshitze (jawoll) geht, besonders die rasenden Autofahrer und der extrem schmale Gehweg machen uns zu schaffen. Die Tochter des Hauses will uns plötzlich doch abholen, doch wir befinden uns nur eine Einfahrt vor unserem heutigen Domizil entfernt. Ein riesiges, viktorianisches Haus, mit eigener Einfahrt, mehreren Zimmer, geschmackvoller Einrichtung, XXL-Garten wartet auf uns. Die Zimmer und das Bad sind einfach super komfortabel - ich sag nur freistehende Badewanne mit Füßen und Holzboden! - und vom Garten aus kann man angeblich direkt zum Glastonbury Tor (das heißt übrigens auch auf Englisch so), unserem nächsten Ziel.

Wie der Mann in der Bibliothek es voraussagte brennt die Sonne über Glastonbury und mit kurzer Hose und frischem T-Shirt pilgern wir hoch auf den höchsten Punkt der Region, den man angeblich in 60 Meilen Entfernung noch sieht, allerdings über den "offiziellen" Fußweg. Dieses Tor ist ein einfach ein Phänomen. Die Landschaft hier ist zwar allgemein "very hilly", aber dieser Hügelberg ist irre steil, quasi von 0 auf ca. 520 Meter in 200 Stufen... das sieht nicht nur toll aus, sondern strengt auch ganz schön an. Aber der Anblick beim Aufstieg ist magisch (Zitat Franz! wahrscheinlich im Glastonbury-Koller, ich schließe mich aber an ;)) und zieht einen förmlich den Berg hoch. Hier oben ist es angenehm kühl in den Mauern des einsam die Landschaft überragenden Turms und sehr beeindruckt öffenen die hier anwesenden Engländer ihre mitgeschleppten Bierbüchsen. Einige Dinge gehören zu Glastonbury einfach dazu, so ist quasi überall und immer irgendwo jemand, der meint auf einer Gitarre rumzupfen zu müssen. Hier wird gerade Stairway To Heaven (noch verständlich) und Light My Fire gegeben. Bei uns gibt`s Muffins, das ist auch nicht schlecht. Die Aussicht ist wenig überraschend der Hammer. Kein Wunder, dass um den Turm allerlei Mythen kursieren. Die einen Glauben der Elfenkönig lebe hier, die anderen halten es für die gläserne Insel der Kelten. Am gängigsten ist hier jedoch die Avalon-Sage und genau dieser Turm soll das Portal dorthin sein. Also wartet jeder Besucher darauf, dass ihn die Barke der Priesterinnen abholt, ist aber auch ganz zufrieden, wenn´s nicht passiert.. Mittlerweile tummeln sich hier auch schon ein paar Festivalbesucher, denn morgen beginnt die große Schlammschlacht mit 120.000 Besuchern auf einer 10 Meilen entfernten Farm. Unter sieben Farben geht hier übrigens Bekleidungsmäßig gar nichts, aber auch der Schlafanzug ist salonfähig, ebenso wie wüste Bonbon-Brillen und Dreads, lange Bärte und Tonnen von Klimperschmuck, im Pub steht "no ties" keine Kravatten auf Schildern.



Franz treibt weiter und recht hat er, denn da steht noch so einiges auf dem Programm. Am Fuß des Berges betreten wir Chalice Well, eine Heilquelle in einem, ja, sagen wir ruhig paradisischen Gärtchen. Überall wird um andächtige Stille gebeten, überall lächeln die Leute milde zwischen Blüten, Bienchen und Engelstatuen. Das ist sicher etwas over the top, aber ehrlich gesagt, richtig schön. Wir trinken ordentlich aus der Quelle, bestimmt 1-.2 Liter, denn wir haben tierisch Durst nach dem Auf- und Abstieg in der Hitze. Das Wasser hat den Boden rot gefärbt und schmeckt auch nach rostigen Nägeln, aber soll ja gegen alles gut sein. An der Quelle selbst sitzt ein seltsames Grüppchen aus tätowierten Männern, einer Räucherkerzen schwenkenden Frau, zwei übergewichtigen, jugendlichen Grufties und einem gesundheitssuchenden Touri. Versteinerte Schnecken sind hier überall in den Bodenplatten zu finden, Englands Südküste ist reich an Fossilien, und wir sind den Damen und Herren wohl ein bißchen zu quierlig und wenig erleuchtet, also halten wir noch mal eiskalt die Kamera drauf und ziehen weiter, im Hintergrund klimpert eine einsame Gitarre. Neben tollen alten Bäumen, die es hier wirklich überall gibt, denen hier aber Halbedelsteine, Bänder und Zettelchen in die Astlöcher gestopft werden, gibt es den ersten Ableger des Heiligen Dornbuschs, jaja, richtig gehört, entsprungen aus dem Stab von Joseph von Arimatäa, dem Onkel von Maria, der ürbrigens mit Neffe Jesus zusammen hier im Ort die erste Kirche gebaut haben soll, aber lassen wir das.... Also Jospeh haut den Stab in den Berg und der schlägt Wurzeln und blüht fortan nur an Ostern und Weihnachten. Nach einer ausgiebigen Fotosession bemerken wir, dass das aber nicht DER Originalbaum ist und ziehen weiter Richtung Glastonbury Abbey, um dort unser Glück zu versuchen.



Das wichtigste zuerst: die Engländer haben die Kirche nicht im Dorf gelassen. Die riesige Kathedrale, in der man Ende des 12. Jahrhunderts angeblich das Grab von König Artus und seiner Frau Guinevere fand, steht nämlich nur noch in Form von Ruinen dort. Während des damaligen Zwistes zwischen Staat und Kirche ließ König Heinrich VIII seine Muskeln spielen und das Kloster nach und nach zu einem Steinbruch verkommen. Wie kann man nur?, lautet unser Fazit nach einem ausgiebigen Spaziergang über das weitläufige Gelände. Ferner gibt es dort zu sehen: Der alte Küchenteil (der wurde als einziger nicht abgetragen...), einen Kloster-Kräutergarten, eine Apfelbaum-Anlage, aus der Cider gewonnen wird (bieten diverse Pubs sogar an!) und natürlich: Einen Dornenbusch. Der ist aber immerhin heilig, wenn auch nicht das Original, denn der steht - wie konnte es ander sein - auf dem einige Meilen entfernt gegenüberliegendem Tor-Hügel auf der anderen Seite des Ortes. Jetzt ist Yvonne aber so angedornbuscht, dass sie den Strauch nach einer Perry-Pause unbedingt auch noch sehen will.




Frisch weiter hochgeschleppt ist der Anstieg aber nicht halb so beschwerlich und nach einer eher spießig aussehenden Wohngegend (allerdings sehen die Bewohner trotzdem aus wie die Lehrmeister in Karate Kid) findet sich das gute Stück doch schneller als erwartet. BEGEISTERUNG! Das Bäumchen ist mit bunten Bändern geschmückt und der Blick mit Baum und Glastonbury Tor im Hintergrund war die Mühe unbedingt wert. Nach botanischen Grundsätzen wie Stammdicke gebe ich dem Ding zwar eher 100 statt 2000 Jahre, aber wir wollen mal nicht so kleinlich sein.

Jetzt - die Katastrophe! Franz tritt in Lammfladen und bekommt gleichzeitig Hunger... Außerdem führt der Weg zurück durch eine Schafherde. Ich spare hier die nächsten 30 Minuten aus bis wir im One Hundred Monkeys beim Veganer (!!!) sitzen und an einem 7% organic not evil regional seasonal happy freeland Cider nuckeln, während unser Essen von den Bäumen segelt. Uns gegenüber stillt eine Mutter ihr Baby und füttert etwas Heilige Quelle Wasser zu, was für ein Idyll. Franz bestellt Mushrooms - nein, nicht solche - und macht sich friedlich über das hier explizite Friteusen und Mikrowellenverbot her. Der Rückweg lässt noch einen tiefen Einblick in das Kaufverhalten der Glastonbury-people zu. Hier reiht sich Eso-Shop an Witchcraft-Ausstatter, Kristallanbieter an Buchhändler, in denen man Bücher zur Auffindung vom Green Man, Avalon, Feen, Engel und bestenfalls sich selbst erstehen kann. Kitsch und Erleuchtung liegen auch hier nah beieinander. Aber was macht man in Glastonbury, wenn man mal zum Schuster muss? Nirgendwo sonst gibt es so viele Heiler, Tarotkartenleser, Chakren-Ausgleicher und und und auf einem Haufen, Bea würde hier, mit Verlaub und nett gemeint, schon zum Establishment gehören. Jedenfalls wird hier Hippietum und jede andere Form alternativer Lebensführung deutlich stärker und trotzdem alltagstauglicher ausgelebt als zum Beispiel in der berühmten Kopenhagener Kommune Christiania.

Zurück an noch ner anderen Heilquelle, jetzt die weiße, vorbei geht´s schon früh gegen 20.30 nach Hause. Im Haus herrscht helle Aufregung, zwei Dutzend wohlsituierte Teenies sind im Aufbruch zum Festival begriffen, eine ganze Armada teurer Klein- und Großwagen parkt die Kiesauffahrt zu. Vielleicht was für nächstes Jahr, da wird das Festival 40. Wir haben den Abend bloggend ausklingen lassen und müssen jetzt aber schnell ins Bett, denn morgen um 7°° starten wir in den Travel Tag nach Boscastle.

Fazit des Tages
Yvonne: Ein Tag so voller Highlights, dass selbst mein Abenteuerdurst gestillt wurde, obgleich auch Heilwasser nicht vor Sodbrennen schützt. Zu Hause werd ich der schwülstigen Zimmer-Bradley aus Kindertagen mal wieder eine Chance geben, mit den Bildern vor Augen wird das super.
Francois: "Ein Tor hat der Reise gut getan." An Olaf: Herr Riedel wäre stolz auf diesen Hügel, da fühlt man sich echt wie der König der Highlander dort oben. Notiz an mich: Morgen eincremen!

PS: Wir haben jetzt auch schon einmal Fotos hochgeladen, allerdings nicht ganz sortiert. Ein Klick auf die Diashow rechts oben reicht und ihr könnt alle Bilder, die wir bisher gemacht haben in Ruhe anschauen und kommentieren. Es lohnt sich, auch nochmal ältere Einträge anzuschauen, bei denen wir nachträglich einzelne Bilder zwischen die Absätze packen.

1 Kommentar:

  1. hey yvonne en frossi weiter so , das ist ja ein richtiger reise roman, man ist ja gans dabei .
    Frossie gut eincremen !!!!!
    grusse von M und M

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