Mittwoch, 1. Juli 2009

11 Shaftesbury - Salisbury - Stonehenge

Heute entscheiden wir uns einstimmig bewusst gegen gekochtes Frühstück. Irgendwann kommt einem das Zeug doch aus den Ohren raus. Nach den Cornflakes im natürlich komplett pinke vom Esszimmer (sogar mit rosa Teppichboden!), rollen wir samt Gepäck zur Shaftesbury Town Hall und setzen uns in den Direktbuss nach Salisbury. Im Doppeldecker werden wir wieder einmal Zeuge von "Heckenknuddlerei" der Güteklasse A, richtig: die einspurigen Straßen. Ein Jeep muss sogar eine halbe Meile rückwärts kurven, denn neben unseren Bus passt kein Blatt Papier mehr. Einmal müssen wir sogar so lange warten, bis eine Frau in Allerseelenruhe ihre Einkäufe aus dem Kombi schleppt, ehe sie die Bahn frei macht.

In Salisbury angekommen, sind wir erst einmal überrascht, wie viele Shops es hier doch gibt. Nach 40.000 Einwohnern sieht das hier überhaupt nicht aus. Man merkt: London rückt näher, die Orte werden urbaner. Ehe wir uns jedoch ins Getümmel stürzen, suchen wir unsere Bleibe für heute auf. Wir vertrauen derselben Hostelkette wie schon in Bath und checken im YHA Salisbury ein. Und siehe da: Wieder eine richtige Entscheidung. Erneut taucht nach einer langen Einfahrt eine tolle, alleinstehende Villa Kunterbunt auf, dieses Exemplar mit einem Mamutbaum davor. Die Zimmer sind auch prima, sogar besser als in Bath, weil das Bad fehlt.

Salisbury empfängt uns also mit offenen Armen. Wir bummeln ein wenig durch die Stadtmitte mit dem Ziel Kathedrale, die eine der schönsten Englands sein soll. Und in der Tat: Das helle Schmuckstück macht überhaupt nicht den Eindruck, als sei es Mitte des 13.Jhd. fertig geworden, übrigens in nur rekordverdächtigen 45 Jahren. Der Kirchenturm ist mit 123m übrigens der größte Englands, hat sich aber über die Jahre um 75cm gen Südwesten geneigt. Salisbury bringt quasi ein wenig Pisa-Feeling mit, der Tourguide: "Wir glauben zwar nicht, dass der Turm irgendwann mal umkippt, aber wenn sie sicher gehen wollen, bleiben sie auf der Ostseite." Sowieso hat man es hier nicht so mit der architektonischen Gründlichkeit: Die eigentliche, zuerst erbaute Kathedrale krachte kurz nach ihrer Weihung ineinander. Auch der zweite Anlauf sollte scheitern, weswegen man alles brach liegen ließ und hier, am Avon komplett neu ansiedelte. Die Ruine Old Sarum drei Meilen weiter nördlich kann man übrigens besichtigen.

Uns interessierte jedoch die so viel gelobte Marien-Kathedrale, die viele interessante Sehenswürdigkeiten, kleine wie große, beherbergt. Nach einer der ersten Uhren aus dem Mittelalter, die heute immer noch tickt und die Glocken läutet (allerdings nur stündlich), gehen wir an vielen Grabmälern vorbei, die irgendwann einmal hoch geholt wurden. Der Schrein von Osmund, machte wegen seiner Heilkräfte Salisbury zum Pilgerort. Das Reinhalten von Körperteilen in diesen Schrein (Sarg) soll Krankheiten entfernen und eigens für diesen Zweck hat man eine zweite Ummantelung mit Löchern angebracht. Auch eine Erwähnung Wert: Neue Chormitglieder werden vor ihrer ersten Probe mit dem Kopf gegen einen ganz bestimmten Stein gehauen. An der Stelle zeigt dieses Mauerstück den Verschleiß der vielen Jahrhunderte. Der große Schatz, befindet sich jedoch im Seitenschiff der Kathedrale: Eines der vier Originale der Magna Charta! Juristen vor: Diese regelte das Verhältnis von König zu seinen Untertanen neu und das so revolutionär, dass auf die Magna Charta die spätere Bill Of Rights und die amerikanische Verfassung zurückgehen, im Prinzip auch die Menschenrechte und damit legte sie den Grundstein für die Demokratie. Warum allerdings König John sich im Jahr 1215 zu einem solchen Machtverlust per Dekret hinreißen ließ ist uns gerade nicht geläufig. Jedenfalls ist das gute Stück recht unspektakulär, kleinhandschriftlich und ohne Siegel etc., wahrscheinlich weil es sich um eine der offiziellen Abschrift handelt, außerdem auf Latein - Franz ist enttäuscht, hätte es sich entsprechend der Bedeutung viel größer vorgestellt und sieht sich daher auch nicht veranlasst das strikte Fotoverbot einzuhalten. Ohne Blitz kommt ihr daher hier in den Genuß der offiziellen Abfotografie.

Wieder draußen: Wie die Tommies jetzt noch Cricket spielen können, was sie eigentlich ständig tun, egal wo man auftaucht, bleibt uns ein Rätsel. Gesund ist das nicht, wir halten es bei knallender Sonne und über 30° nicht draußen aus. Wir flüchten deshalb schnell in den klimatisierten Burger King und warten auf einer anderen Terasse darauf, bis sich die Bedingungen für unsere kommende Freiluftbesichtigung verbessern: Stonehenge. Zwar gibt es da so eine Touri-Tour samt all-inclusive-Busfahrt-Paket, wir wollen aber nicht 40 Minuten warten und fahren auf eigene Faust nach Amesbury an, wo wir mit verdammt viel Glück direkt bei Ankunft den einzigen Bus des Tages von dort zum Steinkreis ergattern.

Mitten auf einem Feld an einer Schnellstraße ist das Tor zum touristischen Höhepunkt: ein paar obligatorische Fressbuden, Kassenhäuschen, Souvenirshops. Man bekommt wieder einen Audioguide umgehangen, was wirklich toll ist, denn so hat man die Infos einfach dann, wenn man sie braucht und muss nicht die ganze Zeit in Broschüren herumblättern. Durch eine Unterführung geht es auf die andere Seite der Straße, innerhalb des weiträumig eingezäunten Areals. Da stehen sie dann, die Steine, aufgestellt im Kreis. Man weiß erst gar nicht was man von ihnen halten soll. Einerseits sind es natürlich nur unordentlich angereihte alte Felsen, die man da sieht, aber hauptsächlich muss man einfach wahrnehmen, dass dies ein imposantes Zeugnis aus der Vorzeit ist, über das - und das macht die Sache noch interessanter - heute immer noch gerätselt wird.

Warum steht Stonehenge (wortwörtlich übersetze: "hängende Steine") eigentlich hier? Wofür oder für wen? Fragen, über die man keine genauen Antworten weiß. Ein verdächtiger Zufall ist, dass der Kreis wie eine Art Kalender funktioniert. Genau am Tag der Sommerwende fällt das Sonnenlicht durch eine bestimmte Formation genau auf den mittlerweile umgekippten Altar. Allerdings fand man tausende (Hügel)Gräber drumherum, auch per Asche wurde hochfrequentiell beerdigt. War Stonehenge eine Kultstätte, ein Tempel? Doch warum wurde das Bauwerk mehrere Male umformiert, erweitert, aber über 1500 Jahre aufgesucht? Die ersten Steine wurden lustigerweise zeitgleich, als die ersten Pyramiden gebaut wurden (grob 3000 v. Chr.) teilweise aus dem heutigen Wales mühseelig an diese Stelle gebracht, warum? Die Dinger wiegen bis zu 45 Tonnen! Was auch viele nicht wissen: Man sieht oberirdisch nur 2/3 der Felsen, 1/3 liegt unter der Erde. Mittlerweile darf man nur noch entlang der Steine gehen, der Weg ist mit einem Seil abgezäunt. Verständlich, war es doch lange Sitte, sich ein Stückchen offiziell als Souvenir abschlagen zu lassen (legal!) oder sich per Graffitti zu verewigen. Wir finden, dass man teilweise nahe genug rankommt (und werden kein "Y+F in Herzform" hinterlassen). Im Gegenteil beim Rundgehen wird man erst drauf aufmerksam, dass der Mythos aus jedem Blickwinkel anders aussieht, eben weil es nicht symmetrisch ist. Muss man so oder so gesehen haben und ist auf jeden Fall die Reise Wert.

Auf der Busrückfahrt, spricht Steve, der nette Fahrer, ein paar Restaurantempfehlungen per Mikrofon aus, bei denen man auf Wunsch einfach außerplanmäßig aussteigen kann. Obwohl er uns das "King`s Head" empfiehlt, hat es und die "olle Mühle" gegenüber angetan. Wie der Name sagt, ein Lokal mit großer Terrasse an einer Mühle am Avon. Herrlich. Mit Birnen-Cidre und Burgern philosophieren wir noch über die Steinkreise, ehe wir vorbei an einer Michael Jackson Memorial Dance Night, zurück in unser gemütliches Hostel wackeln (allerdings nicht ohne einen Moonwalk zu versuchen). Trotz der laut spielenden deutschen Schulklasse (dem Dialekt nach zu urteilen aus Hessen oder der Pfalz), ist es angenehm (kühl) im Garten, wo wir bei zwei Cidern noch in Ruhe den Tag ausbloggen.

Fazit des Tages:
Franz: Salisbury war eine positive Überraschung, ebenso so wenig hätten wir so eine Hitzewelle in UK erwartet.
Yvonne: Tausend Jahre sind ein Tag. Keine Krise auf meinem Kulturkonto in Sicht.

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