Der Abschied aus St. Ives fällt uns sichtlich schwer. Die Gastfreundlichkeit von Gil sowie das Frühstück von Mike, die Urlaubsstimmung, der Traumstrand... und wir fahren bei Sonnenschein ins Moor?! Naja, ein wenig verfluchen wir uns schon, als wir am Bahnhof noch einmal auf unser Paradies blicken, doch wir wollen einen kompletteren Eindruck von Südengland und dazu müssen wir weiter.Punkt. Dennoch sind wir uns einig: "Who could be ever tired of St. Ives?"
Auch wenn Franz das im Vorfeld nicht so recht wahr haben wollte, zu Südengland gehört auch ein Gartenbesuch den Yvonne clevererweise, wenn auch eigentlich unabsichtlich, auf ihren Geburtstag gelegt hat. Da kann Franz nicht Nein sagen. Ausgesucht haben wir uns aus praktischen Gründen Trewithen, da dieser als einziger gut von Truro aus zu erreichen ist, obwohl Trebah, The Lost Gardens of Heligan und Trelissick Yvonnes eigentliche Favoriten waren.
Da wir heute wieder einmal ein beschränktes Zeitfenster für die Weiterfahrt nach Bovey Tracey haben, knicken wir uns die gut 40 Minuten Wartezeit auf den Bus in Truro und steigen in ein Taxi nach Trewithen. Zudem steigert Englands Hitzewelle nicht gerade die Motivation unsere prallen Koffer stundenlang durch die Gegend zu ziehen. Vor der Fahrt hatte der Fahrer circa 15 GBP als Preis angegeben, als er diesen Stand mitten auf dem Schnellweg erreicht, schaltete er einfach sein Taxometer aus. Also Abzocker gibt es auf der Insel nicht, zumindest nicht im Nachhinein (okay, nur in Land`s End, aber das ist ja auch das Land`s End...)! Auch an der Kasse des Gartens zeigen sich die Briten wieder einmal von ihrer freundlichen Seite und die Dame lässt uns unsere Koffer dort abstellen. Statt einem Ticket gibt es einen Aufkleber, und natürlich darf der Einführungsfilm nicht fehlen.
Trewithen ist eine circa dreihundert Jahre alte Anlage, vollgestopft mit exotischen Pflanzen, die vor allem in Asien, aber auch in anderen Teilen der Welt wortwörtlich von den unterschiedlichen Besitzern "gejagt" wurden (Plant hunting). Die eigendlich so geselligen Engländern werden nämlich zu Bestien, wenn es um ihr Grün und Gut geht. Da investieren Lottogewinner und Nobelpreisträger ihren ganzen Gewinn in ihren Garten, ohne dass das irgend jemand komisch findet. So hat die Besitzerin des Trewithen Gardens 25 Jahre nach der Aussaat ihrer Magnolien das Geld vom Pflanzenhändler (damals noch vom Großvater betrieben) zurückverlangt (und bekommen!), da sich bei den ersten Blüten herausstellte, dass der gewünschte Pinkton nicht ganz getroffen wurde. Nicht umsonst ist die wöchentliche Garten-Fragestunde im Radio die beliebteste und mit Abstand am meisten gehörte Sendung im Rundfunk! Um es mit Obelix zu sagen: Die spinnen, die Briten.
Dadurch, dass es zu dieser Jahreszeit überhaupt nicht blüht auf Busch und Baum, sieht es an den meisten Stellen so aus, als hätte man unter den Bäumen gefegt und einen Zaun um die normale Landschaft gemacht. Nach anderthalb Stunden finden wir enttäuscht dass wir genug gesehen haben und suchen die Bushaltestelle, die sich angeblich ein Stück die Schnellstraße (Autobahnzubringer...) herunter an einem Verkehrskreisel befindet. Während wir mit unseren Trollys die Kiesauffahrt runterholpern (Kies und Trollys vertragen sich nämlich nicht besonders gut) fühlen wir uns einzig von einer großen Herde Kühe beobachtet. Mit Angst- und Echtschweiß erreichen wir den Kreisel, aber keine Bushaltestelle in Sicht. Panik, denn weit und breit ist hier nichts außer Autobahn. In unserer Verzweiflung überlegen wir tatsächlich für einen Moment auf den Highway nach Truro zu rollen, aber viel sinnvoller erscheint uns die Flucht nach vorne, sprich weiter die Schnellstraße hoch, nach dem Motto "Irgendwann wird schon etwas kommen." Und in der Tat, eine dreiviertel Meile später als behauptet, befindet sich der gewünschte Stop nach Truro, so dass wir unsere Zugverbindung ins Dartmoor locker und rechtzeitig bekommen.
Newton Abbot heißt unser nächster Stop, das ist schon am Rand des Dartmoors, muss man nicht kennen, muss man nicht mögen. Langsam wird es wieder richtig ländlich und entsprechend hört sich der lokale Akzent ein bißchen nach Ami-Rancher mit Kartoffel im Mund an. Dumerweise liegen Bahn- und Busbahnhof in den Städten hier selten nahe beieinander und fordern uns immer ziemlich anstrengende Wege zwischen den Verbindungen ab. Auch wissen wir meistens nicht wo genau sich unsere B&B befinden oder es gibt nur eine zentrale Haltestelle, von der aus es fast immer noch ordentlich bergauf geht, bis wir endlich wieder die nächste Unterkunft erreiche. Das gilt auch in Bovey Tracey, dem "Tor zum Dartmoor" wie sich der kleine, beachtungsheischende Ort nennt. Eine handgemalte Karte der netten, hiesigen Supermarktbesucher, 1,5 Meilen Fußweg und eine Kiesauffahrt später, stehen wir vorm Oaklands, unserer bisher schicksten Bleibe. Das Haus sieht von außen ziemlich gotisch-viktorianisch, ein bißchen spooky jedenfalls aus, ist riesengroß und strunzt nur so vor Wohlstand. Jetzt bekommen wir endlich wieder richtig Bock aufs Hiersein.
Kathleen führt uns in unseren Prunkraum mit hohen Decken, der genauso aussieht, wie die Jane Austen Zimmer im Museum nur doppelt so groß. Neben dem Kamin steht der obligatorische Flatbildschirm, aus dem Fenster sieht man den Herrn des Hauses - Duncan (...) - beim Rasenmähen (mit farblich passenden Ohrschützern). Eines ihrer Kinder haben sie tatsächlich Harriet genannt. Adel verpflichtet und so gewöhnen wir es uns an, uns nur noch mit Lord und Lady anzusprechen.
Lord Franz quält ein Hüngerchen und daher geht er mit Lady Geburtstagskind in den Pub am Platze, das Dolphin Inn (heißt so wie unser Zimmer..). Hier beenden wir die Fischdiät mit dicken 10oz Sirloin Steaks. Der Verdauungsspaziergang macht deutlich, dass wir in "Bovey" sonst nichts verpassen, macht nichts, wir wollen sowieso zurück in unsere Landvilla. Vorm Schlafengehen googeln wir noch unsere morgendliche Wanderroute und essen noch eine Minz-Crisp-Oblate, ehe das Licht ausgeht.
Fazit des Tages
Yvonne: Ok, unsere Reise hatte heute ihren ersten 8-Stunden Hänger, aber da Anfang und Ende des Tages vielversprechend sind, sehen wir da einfach drüber weg. Geburtstag? Wird noch zu Hause nachgefeiert, bestimmt aber ohne Koffer in der Hand.
Franz: Eine neue Seite der Insel. Meine Lady bekommt endlich die Zimmer, die sie für ihre Romanleserei verdient. Ich bin gespannt, wie der Lord sich im Dartmoor macht...
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